Das Semester hat neu begonnen - die Tage werden wieder länger, die Nächte kürzer. Und das im kulturellen Sinne: studentische Kultur. Und wie war das mit den Freitagen? Wer studiert schon freitags? Das süße Leben hat nun in dieser Hinsicht ein jähes Ende genommen. Ab morgen geht es in Tübingen aktiv los. Mein Leben als Germanist! Einführung in die Sprachwissenschaften und Übersetzen aus dem Mittelhochdeutschen - das verspricht doch spannende Augenblicke.
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Ich will Frühling! Vor exakt einer Woche mussten wir uns beinahe um die Outdoorplätze beim Dolce Vita - unserer beliebtesten Trossinger Kaffeebar - prügeln. Heute haste ich an ihr vorbei, in der Absicht, möglichst schnell den widrigen Witterungen zu enkommen, in die gut geheizte Hochschule zu entfliehen, und ich sehe sie verwaist, die kleinen runden Tische, um die sich verheißungsvoll jeweils drei Stühle gruppieren. Keine gut gelaunten Studenten, die mir ausgelassen zuwinken. Keine bunten Kissen auf den Stühlen, allenfalls unter weißbeflockter Oberfläche lassen sich Möbel erahnen. Was ist geschehen heute Nacht? Der Blick aus dem Fenster stimmt mich betrübt - Besserung ist nicht in Sicht. Ich will Frühling.
So ein Glück, ich kann es kaum fassen. Noch vor drei Wochen hatte ich nach meiner Orchesterprobe vom Dirigieren enormen Muskelkater und habe Muskeln kennen gelernt, von denen ich je nichts geahnt hätte. Nun habe ich fleißig trainiert und das zahlt sich aus. Die vergangene Orchesterprobe hat keine unangenehmen Spuren hinterlassen. Oh, wie glücklich ist jede Zelle meines Körpers darüber.
Hier ein Einblick in mein tägliches Training. Ein bisschen Sport am Tag, und Du bist alle Sorgen los.
Wer wird so spät durch Nacht und Wind geritten?
Ein stolzer Rappe, unbestritten.
Auf ihm sitzt ein vom Vater gehaltener Sohn,
So reiten sie eilends der Nacht davon.
Mein Sohn, was wird Dein Gesicht geborgen so bang?
Der Erlkönig, er wird gesichtet schon lang.
Wird er von Dir denn nicht gesehen?
Mein Sohn, es sind bloß Nebelwehen.
<Du liebes Kind wirst mit mir genommen,
Gar schöne Spiele sollst Du bekommen.
Manch bunte Blume wird an den Strand geschwemmt,
Von meiner Mutter getragen wird manch gülden Hemd.>
Mein Vater, mein Vater, wird von Dir nicht gehört,
Wie Erlenkönig mich leise betört?
Mein Kind, mäßige in Deiner Brust die Glut.
Dürre Blätter werden erregt vom Wind in seiner Wut.
<Erst werde ich Dir Dein Leben ausschütteln,
Dann sollen Dich meine Töchter betüddeln.
An den Reigen meiner Töchter sollst Du Dich erfreuen,
Die den Weg in Deinen Schlummer werden betreuen.>
Mein Vater, ein jeder ist blind, der nicht sieht
Erlkönigstöchter in diesem Gebiet.
Mein Sohn, es wird von mir eifrig geschaut,
Doch sind bloß die alten Weiden ergraut.
<Du wirst von mir heiß geliebt und verehrt,
So sollst Du mir nicht länger bleiben verwehrt.
Dein Körper: zart, sinnlich und makellos!
Den will ich entreißen Deines Vaters Schoß.>
Mein Vater, mein Vater, ich werde berührt.
Durch Erlkönig hab ich ein Leids verspürt.
Dem Vater sitzt tief im Herzen der Schrecken,
Drum reitet er stürmisch den tapferen Recken.
Das Pferd wird getrieben gar wild, ohne Rast.
In des Vaters Armend wird das Kind gefasst.
Der Hof wird mit Mühe und Not erreicht,
Doch das ächzende Kind ist verstummt und erbleicht.
…gibt der Dirigent bisweilen voraus, damit sich die Musiker auf das Tempo einstellen können. Das heißt, er dirigiert zwei volle Takte voraus, in denen noch nicht gespielt wird.
Ich mach das jetzt im Nachhinein. Noch zwei Wochen dauert mein Praxissemester an. Mein Soll an zu haltenden Unterrichtsstunden ist nun glücklich und erfolgreich erfüllt. Ein bisschen muss ich noch zum Hospitieren hin. Und sonst? Wie werde ich die restlichen Tage am Gymnasium nutzen? Vielleicht häufiger die Kaffeemaschine ausprobieren…
Es neigt sich langsam, zwar langsam aber offensichtlich und absehbar einem Ende entgegen. 11 Wochen meines Praxissemesters sind verflogen. Die letzten zwei Wochen drängen forsch und dann: es sei vollbracht. Oh Du, Praxissemester. Werde ich Dich vermissen? ‘13 Wochen bis zum Glück’ weiterlesen
Ja, so ist richtig. Was macht ihr in den Herbstferien? Doch nicht etwa Drachen steigen lassen? Das ist sowas von überholt! Hier in Trossingen, da ist Schlittenfahren angesagt.
Ein morgendlicher Blick aus dem Fenster: der brave Bürger schippt Schnee. Es ist ja fast so, als hätte sich einjeder darauf gefreut und kann es kaum erwarten, morgens aus dem Bett zu springen und die Fußwege zu räumen. Da schippen sie alle in Eintracht, weiße Berge türmen sich zu den Seiten und von oben kommt der regelmäßige Nachschub. 10cm, 12 cm, 15 cm. So lieben wir Trossingen im Oktober.
Warum Klingsbo mir den Schlaf raubt, erklärt sich von selbst, wenn man weiß, wer oder was Klingsbo überhaupt ist. Eine wunderschöne Vitrine. Eine Vitrine von Ikea. Es empfiehlt sich laut Anleitung, diese Vitrine zu zweit aufzubauen. Drum stand Anki mir mit Tat und Rat zur Seite. Dass man Klingsbo alleine gar nicht aufbauen könnte, wird diskret verschwiegen.
Klingsbo hat vier Füße, was ja für einen sicheren Stand ganz praktisch ist. Man nehme die ersten beiden Füße und beginne, Klingsbo nach detaillierter Bebilderung zu montieren. Ziemlich auf der vorletzten Seite nehme man die beiden übrigen Füße, um festzustellen, dass sie sich massiv in ihrem Innenleben von den anderen unterscheiden, kurz: die Halterungen für die anschließend einzusetzenden Glasplatten verlaufen anders. Aber das hat uns auf der ersten Seite niemand gesagt. Und die sonst so ausführlichen Bilder haben uns das auch vorenthalten.
Es war nur ein Zwischenfall von noch nur wenigen mehr. Aber die zwei Stunden intensiver Auseinandersetzung haben Anki und mich zu Profis auf dem Gebiet “Klingsbo - Vitrinen von Ikea” gemacht.
Und gelernt haben wir, Anleitungen vor der Montage zunächst vollständig zustudieren. Selbst überraschungsEi-geübte Tüftler kommen da noch ins Schwitzen.
Anstrengend ist es zweifellos. Und dennoch, man muss diese kleinen, hilflosen, niedlichen Kreaturen einfach liebgewinnen. Auch wenn sie bisweilen zu kratzigen Bestien mutieren können. So ist es doch erstaunlich, dass ich als Praxissemestler vorbehaltlos zu den Lehrkörpern gerechnet werde; die Kinder sind rücksichtsvoll, höflich und freundlich. Sie grüßen stets und die Unterstüfler wenden sich sogar im Unterricht bei Gruppenarbeiten mit Fragen sehr häufig an mich, wenn die Lehrerin gerade am anderen Zimmerende beschäftigt ist. Aber skurril ist es doch, von den Oberstüflern gesiezt zu werden, die doch nur wenige Jahre jünger sind.
Und dass es mit der Autorität so wunderbar klappt, ist einer der großen Vorzüge. Als wir gestern mit dem Schulorchester im Landtag in Stuttgart waren, hat doch bei meinen geliebten wilden 9.Klässlern nur ein Seitenblick gereicht und schon haben sie sich wieder benommen und waren lammfromm. Wenn das mal anhält!!
Laut! Es ist so laut. Wer dachte, Schule sei ein Spaziergang, vielleicht weil er selbst immer nur geschlafen hat, der irrt. Und es sind noch nicht einmal nur die etwa 900 Schüler, die soviel Krach machen. Auch im viel zu kleinen Lehrerzimmer für 62 Kolleginnen und Kollegen summt es wie in einem Wespennest. Zum Glück ist da für Praktikanten und Referendare kein Platz mehr, sodass wir mit unserem Arbeitsplatz in die angrenzende Küche mit Kaffeemaschine ausgelagert wurden. Dabei konnte ich die Kaffeemaschine noch nicht einmal selbst ausprobieren - womöglich sind wir das meistbesuchteste Zimmer. Preisen wir den Vorteil, dass jeder vorbeikommt, um uns willkommen zu heißen!
Nun also hospitiere ich, schreibe mir Methoden auf, wie man unbeugsame Schüler in den Griff bekommt und wenigstens ein paar Minuten durch geistreiche Stillarbeit für einen erlösenden Augenblick rettender Ruhe sorgt. Mein Gehör ist schon ganz wund. Aber in dieser Hinsicht bekomme ich tröstende Worte mit auf den Weg; an solche Dinge werde man sich schon gewöhnen und ich müsse dieses Stadium nicht als einzige durchlaufen.
Fortan werde ich auch Pausen in der Musik noch weit mehr zu schätzen wissen!
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